Die Fabel

Die Fabel

Die Fabel

Die Ameise

die AmeiseAmeisen trockneten einst feucht gewordene Früchte. Eine Grille bat sich ein wenig davon aus, um ihren Hunger stillen zu können. "Du hättest", sagten sie zu ihr, "auch im Sommer sammeln sollen, dann dürftest du jetzt nicht bei uns betteln." - "O", antwortete sie, "dazu hatte ich keine Zeit!" - "Was tatest du denn?" fragten die Ameisen. "Ich sang", erwiderte sie, "und ihr wißt, daß mein Gesang den Menschen zum Einschlafen nötig ist."

"Wenn dem so ist", höhnten sie sie, "so laß dich von denen jetzt füttern, die du in den Schlaf gesungen."

Jean de La Fontaines (1621–95)


 

Die Grille

Es sang die heischre Grille
Die ganze Sommerzeit,
Da sich in aller Stille
Die Ameis' auch erfreut.
Sie häuft der Zellen Fülle
Mit kluger Emsigkeit.

Die Grille singt voll Freude
Um Feld und Busch und Hain,
Und sammelt kein Getreide
Zum nächsten Winter ein.
Als endlich sich die Sonne
Umwölkt dem Schützen naht,
Die Erde keine Wonne,
Und Alles Mangel hat;
Da fühlt sie das Geschicke
Der darbenden Natur,
Und hoffet Trost und Glücke
Von ihrer Freundin nur.
Sie sagt: O leiht mir Weizen,
Geliebte Nachbarin.
Ihr werdet ja nicht geizen,
Ihr wißt, wie arm ich bin.

Die fragt: Zur Zeit der Rosen,
Was hast du da gemacht?
Die hat den Virtuosen
Vielleicht nichts eingebracht.

Ich sang, zwar ungedungen;
Allein, was sollt' ich thun?

Du hast damals gesungen:
Wohlan, so tanze nun!

Friedrich von Hagedorn

NEWSLETTER

KONTAKT

  • Armelle Nansenet
  • 079 103 43 55
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Keep in Touch